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Autor Harald Grill ließ den Funken überspringen

Dichterlesung zur Steigerung der Lesefreude an der Fridolfinger Volksschule

Nach umfangreichen Vorbereitungen und klasseninternen Initiativen zur Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten und der Steigerung der Lesefreude stand kürzlich als Höhepunkt der Besuch eines Schriftstellers in der Volksschule Fridolfing ins Haus. In mehreren Beratungen entschieden sich die Schulleitung und das Lehrerkollegium auf Anregung der Projektbeauftragten Elisabeth Zahnbrecher schließlich für Harald Grill, den Dichter aus dem Dorf Wald im Bayerischen Wald.

Nach mehreren Versuchen der Kontaktaufnahme traf schließlich die Zusage des Autors ein. Die einzelnen Klassen der Grundschule und die 5. Hauptschulklassen und die Schulspielgruppe vertieften sich in Geschichten und Gedichte von Harald Grill, zeichneten Bilder dazu und bereiteten sich auf das Zusammentreffen mit ihm vor. Die Schüler der Klasse 4a versetzten sich selbst in die Lage eines Schriftstellers und schrieben einen Aufsatz darüber. Voller gespannter Erwartung versammelten sich die Schüler in zwei Gruppen in der Aula.

Die Kleinen aus den 1. und 2. Klassen drängten sich auf ihren Matten und Stühlen ganz nah an den Dichter heran, die Größeren aus den 3., 4. und 5. Klassen nahmen dahinter Platz. Elisabeth Zahnbrecher ging in ihren Begrüßungsworten auf diesen besonderen Tag ein, an dem ein leibhaftiger Dichter an der Volksschule Fridolfing von seiner Arbeit, seinen Erlebnissen und seinem Wirken erzählen und aus seinen Geschichten vorlesen würde. Spontan machte sich ein Gefühl der Vertrautheit breit und zwischen den Kindern und dem  Gast kamen keinerlei Berührungsängste auf. In einer szenischen Darstellung vertiefte die Schulspielgruppe unter der Leitung von Alois Esterer einige Gedanken über das Gedicht "hoamkumma" von Harald Grill. Dann begann die Lesung mit ausgewählten Geschichten.

Die Arbeit eines Schriftstellers
 Harald Grill erläuterte eingangs den Kindern seine Arbeit, die ihm die Berufsbezeichnung "Schriftsteller" eingetragen habe. Weil er Gedichte schreibe, sei er ein "Dichter" und als Verfasser von Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Drehbüchern sei er auch ein "Autor". Er berichtete, dass er sich mit drei Büchern besonders an Kinder und junge Leser wende.

Alle drei Werke seien unter das Motto "Geschichten vom Land" gestellt. Ihre Titel sind "Gute Luft, auch wenn's stinkt", "Hans im Glück - hin und zurück" und die Erzählung "Da kräht kein Hahn nach dir." (Anm.: Alle erschienen bei Rowohlt Verlag, Reinbek.) Insgesamt seien bis jetzt 17 Bücher von ihm verlegt worden, die sich meist an erwachsene Leser richteten. Er vergaß auch nicht an die schwierigen Anfänge zu erinnern, als bereits 1971 sein erstes Buch fertig war, es aber erst 1978 gedruckt wurde. Er erinnerte kurz an seinen beruflichen Werdegang als  Pädagogischer Assistent. Dann zeigte er an Hand selbst erlebter Ereignisse auf, wie er den Stoff für eine Geschichte gefunden hatte und er bezeichnete sich deshalb auch als "Geschichtenfinder".

Eine Geschichte ist wie ein Puzzle
Auf kleinen Zetteln hielt (und hält) er wichtige Personen, Aussagen, Details, Handlungen, Szenen, Beobachtungen und Abläufe fest, auf denen er Material für seine Geschichten sammelt. So seien 70 Zettel zusammengekommen. Er sei neugierig und baue dann seine Geschichten so, "wie ein Maurer, der ein Haus baut". Einem Puzzle gleich, suche er den Anfang, die Ränder (den Rahmen) und das Ende zusammenzusetzen. Wertvolle Dienste leiste ihm eine Wäscheleine, die er quer durch das Zimmer spanne und an der er seine Zettel mit Wäscheklammern befestige und so stets vor Augen haben könne. Beim Aufhängen der Zettel spreche er gerne mit sich selber und erzähle sich so selbst die Geschichte. Den Höhepunkt, die allerspannendste Stelle, versuche er so weit als möglich nach hinten zu verlegen. Nach einer Woche stehe die Geschichte. Nun gelte es das Manuskript am PC aufzuschreiben und am Drucker auszudrucken. Jetzt setze die Rolle der Kritiker ein. Kritik sei wichtig, helfe und nütze sogar. In launigen Worten erzählte er, welche Bedeutung das Mienenspiel und die kurzen Bemerkungen seiner strengsten Kritiker aus der eigenen Familie, seiner Ehefrau Erika und seiner Söhne Andreas und Moritz hätten. Die Äußerungen schwankten zwischen einem eher teilnahmslosen "Eeiij" und gipfelten bisweilen in einem anerkennenden "Woww".

Es sei schon vorgekommen, dass der Autor eine Geschichte achtzehn Mal um- und neu geschrieben hätte. Manche der zwölf Geschichten im vorgestellten Buch seien schon nach der dritten, andere erst nach der vierundzwanzigsten Überarbeitung druckreif geworden. Der Weg vom Zettel zum Buch dauere zwei Jahre. Er bezeichnete sich als langsamen Schriftsteller, andere schafften in drei Monaten ein fertiges Buch. Mit eindrucksvoller Gestik verdeutlichte er den Kindern den geringen Anteil, den der Autor am Preis eines verkauften Buches erhält. So seien weitere Standbeine nötig, um sein Auskommen zu finden: Aufträge in Rundfunk und Fernsehen, Zeitungsartikel, Autorenlesungen und Veranstaltungen in Schulen.

Auf seinen zwei großen Wanderungen durch Europa habe er Material für viele künftige Geschichten gefunden, die ein ganzes Regal füllten. Die Geschichten sollen in einem Kinderbuch und in einem Buch für Erwachsene erscheinen.
Am Beispiel der Geschichte "Explosion im Schulbus", die er mit großem Einsatz und Engagement vortrug, zeigte der Schriftsteller auf, dass sich die beste Überschrift oft erst nach Abschluss der fertigen Geschichte ergebe. Die Vorgänge um die beiden Hauptakteure Hansi und seinen Feind Fritz gipfelten schließlich in einer "Explosion" von Hansi, die dazuführte, dass beide schließlich im Straßengraben landeten. Aufmerksame Leser entdeckten bald: Schuld ist eigentlich der Schulbus! Harald Grill zeigte sich erfreut, dass seine Geschichten mithelfen helfen können, manchmal etwas zu verändern, wenn z.B. ein Bürgermeister einen zusätzlichen Kleinbus einsetzen lässt, um die Misere im überfüllten Schulbus abzustellen.

Fragen an den Autor
Anschließend stellte er sich bereitwillig den Fragen der Schulkinder. So erzählte er, dass es bei ihm zu Hause kaum ein Buch gegeben habe. Die Bibel und der Quelle-Katalog seinen die einzigen Druckwerke gewesen. Fasziniert war er von der ersten großen Bibliothek, die er in Regensburg besucht und genutzt hätte. Er bekannte, dass er seine erste Geschichte mit 15 oder 16 Jahren geschrieben hätte und er 21 Jahre alt gewesen sei, als das erste Buch fertig war. Dann hätte es aber weitere sieben Jahre bis zu dessen Druck gedauert. Auf die Frage nach seinen Lieblingsautoren antwortete er, dass er besonders Miriam Dressler, Peter Hertling, Christine Nöstlinger und Paul Maar schätze.

Breiten Raum nahmen seine zwei Wanderungen durch Nord- und Südeuropa ein, die er "zweimal heimgehen" betitelt hatte. Ihm ging es darum, sich aus der Ferne (1. vom Nordkap und 2. von Syrakus auf Sizilien) seiner Heimatregion in einem Tempo zu nähern , das den Gedankengängen angepasst war, nämlich statt 100 km pro Stunde im Auto, 100 km in einer Woche zu Fuß. Er wusste von einer Episode zu erzählen, die er mit einem Rentierzüchter erlebt hatte. Auch wenn man die Sprache nicht spreche, so könne man sich doch miteinander verständigen und die Leute verstehen, bekannte der Autor. Ziel der Reisen sei es auch gewesen, wieder "langsamer" zu werden. In der Verknüpfung des sinnlichen Erlebens von Natur und Wildnis und der städtischen Ballungsräume mit der modernen Datentechnik (Laptop, Handy und Internet) sah er besondere Reize seiner zwei Wanderungen.

Zu den schönsten Erinnerungen zählten auch, wenn er morgens beim Aufstehen wieder frisch für Neues gewesen sei und während des Tages immer Zeit für alles gehabt hätte, sei es eine Raupe, eine Schlange oder eine schöne Blume am Wegesrand. Besondere Freude hätte er auch den Kindern aus Norwegen bereitet, deren Adressen er an Kinder aus Italien weitergegeben habe und die über seine Datenverbindung miteinander kommuniziert  hätten. Er berichtete von den vielfältigen Quartieren, die er nachts nutzen durfte: Zelte, Hütten auf Campingplätzen, eine Bücherei, ein Trainingslager für Eishockeyspieler, eine Klosterzelle oder ein Zimmer in einer Jugendherberge und in einer Naturschule. Spannend erzählte er von seinem Kampf mit einer diebischen Riesenmöwe, seinem Beinaheabsturz an einer Steilküste  und von seiner unfreiwilligen Nachtwanderung an einer stark befahrenen Straße bei Berlin.

Schließlich lud er die Schulkinder ein, ihm weitere Fragen schriftlich zu stellen und sie ihm mit kleinen Zeichnungen zu übersenden. Gerne werde er die Fragen schriftlich beantworten, versicherte der Autor.

Einen Glanzpunkt setzte der Autor dann noch mit der Lesung seiner Geschichte "Das himmelblaue Moped", in der er die jungen Leute stark einband und zum Mitmachen animierte. Die Art, wie er Onkel Herbert charakterisierte, die spannende Darstellung von Hansis Vorgehen und die begleitenden, stets wiederkehrenden Rufe seines Freundes, die Schilderung des Sturzes, die Ausgestaltung der Gewissensbisse des Täters und der Angst vor der gerechten Strafe, die sprachliche Herausarbeitung des Zornes von Onkel Herbert und  schließlich die Gestaltung des glücklichen Ausgangs zeigten die sprachliche Sonderstellung des Autors Harald Grill und seiner Sichtweise der kleinen Dinge, auf die es ankommt.

Reicher Beifall belohnte den Schriftsteller, der es sichtlich genoss, bei seinen jungen Lesern und Zuhörern so gut angekommen zu sein. (Alois Esterer)